Pricing in der Agentur: Warum du trotz Umsatz zu wenig verdienst

Letzte Woche hatte ich einen Audit-Call mit einem Agenturinhaber aus München. Sieben Mitarbeiter, 1,2 Mio. Umsatz, gutes Portfolio. Auf den ersten Blick eine gesunde Agentur.
Dann haben wir die Marge pro Projekt ausgerechnet.
Drei seiner zehn größten Projekte des vergangenen Jahres hatten unter 15 Prozent Marge. Die Briefings waren zu dünn gewesen, die Korrekturschleifen hatten die Stunden annähernd verdoppelt, und der Preis war fixiert. Zwei dieser drei Projekte hatten unterm Strich Geld gekostet, wenn man Vertrieb, Projektmanagement und interne Abstimmung mitrechnet.
Er wusste das nicht. Er sah nur den Umsatz.
ℹ️ TL;DR
- Der tatsächliche Stundensatz pro Projekt liegt nach Vertrieb, Korrekturen und Admin meistens 30 bis 50 Prozent unter dem angebotenen Stundensatz. Das ist kein Einzelfall.
- 50 Prozent Marge auf 800k schlägt 20 Prozent Marge auf 1,5M: 400k vs. 300k Deckungsbeitrag. Marge schlägt Umsatz.
- Wer Aufwand verkauft, ist austauschbar. Wer Wert verkauft, kontrolliert den Preis.
- Drei Angebots-Optionen statt einer: Der Kunde wählt zwischen den Paketen, nicht zwischen Ja und Nein. Das erhöht den durchschnittlichen Auftragswert und verbessert die Marge. Schlechte Projekte lassen sich mit einem konsequenten Nein-Filter früh aussortieren, gute Projekte mit sauberem Client Onboarding schützen.
Warum Pricing in einer Agentur besonders kritisch ist
Agenturen haben keine Lagerhaltung. Die einzige Ressource, die sie haben, ist Zeit. Und Zeit hat eine harte Grenze.
Wer Pricing falsch macht, verbrennt genau diese Ressource für Projekte, die keinen Beitrag zur Substanz liefern. Umsatz wächst, der Deckungsbeitrag bleibt gleich oder schrumpft. Das fühlt sich nach Wachstum an und ist es nicht.
Dazu kommt: Agenturen sind meistens Expert-Businesses. Kunden kommen wegen des Know-hows, nicht wegen der Kapazität. Wer sein Pricing auf Stunden statt auf Expertise aufbaut, verkauft sich systematisch unter Wert.
Die gute Nachricht: Pricing ist lernbar. Und die häufigsten Fehler sind vorhersehbar.
Die drei häufigsten Marge-Fresser
Marge-Fresser 1: Das Briefing, das unterschätzt wird
Aus dem Münchner Audit-Call: Zwei der drei margenschwachen Projekte hatten dünne Briefings gemeinsam. Die Stunden im Angebot basierten auf einer Annahme, wie der Prozess laufen würde. Die Realität lief anders.
Fehlende Definitionen im Briefing bedeuten Korrekturschleifen. Korrekturschleifen fressen Stunden. Stunden, die niemand abrechnet, weil der Festpreis fix ist.
Die Lösung ist kein Hexenwerk: ein Briefing-Template, das Scope, Ziel, Entscheider auf Kundenseite und maximale Korrektur-Runden vor der Angebotserstellung fixiert. Was im Briefing nicht steht, landet als Überraschung im Projekt. Und Überraschungen kosten immer mehr als geplant.
Marge-Fresser 2: Versteckter Aufwand, der nie eingepreist wird
Ein Projekt, das 40 Umsetzungsstunden hat, hat meistens 55 bis 65 Gesamtstunden. Briefing und Klärungsgespräche, Projektmanagement und Status-Kommunikation, Korrekturschleifen und interne Abstimmung. Diese Stunden sind real. Sie werden bezahlt, nur nicht vom Kunden.
Die Konsequenz im echten Stundensatz ist krass. Bei einem Projekt mit 5.000 Euro Preis und angenommenen 40 Stunden kalkulierst du 125 Euro pro Stunde. Tatsächlich sind es 60 Stunden, und davon 15 Stunden Vertrieb vor dem Auftrag. Dein echter Stundensatz: ca. 67 Euro. Das ist weniger als die Hälfte.
Bei zehn Projekten im Jahr mit dieser Lücke verlierst du, wie im Nein-sagen-lernen-Post beschrieben, den Gegenwert einer ganzen Junior-Stelle.
Marge-Fresser 3: Rabatte ohne Struktur
Rabatt, um den Kunden zu gewinnen. Rabatt, weil der Kunde zögert. Rabatt, weil der Wettbewerb angeblich günstiger ist.
Jeder Rabatt ohne Gegenleistung sendet eine Botschaft: dein normaler Preis war zu hoch. Ab diesem Moment erwartet der Kunde immer einen Rabatt, und dein Spielraum fürs nächste Projekt ist kleiner.
Rabatte, die funktionieren, haben eine Bedingung: Vorauszahlung, längere Vertragslaufzeit, Referenz-Case, Early-Bird-Fenster. Mit einer Bedingung bleibt der Standardpreis intakt und der Rabatt hat einen realen Gegenwert.
Stundensatz vs. Projektpreis: Was wirklich übrigbleibt
Ein Stundensatz von 120 Euro klingt nach einer guten Zahl. Das Problem ist, was du nach einem realen Projekt davon siehst.
Nimm deine letzten drei Projekte. Rechne alle Stunden zusammen: Erstgespräch, Angebotserstellung, Briefing-Calls, Umsetzung, Feedback-Runden, Abschluss-Abstimmung, Rechnungsversand. Teile den Projektumsatz durch diese Gesamtstunden. Das ist dein echter Stundensatz.
Bei den meisten Agenturen, mit denen ich arbeite, liegt die Spannweite zwischen bestem und schlechtestem Projekt bei Faktor 3. Dasselbe Team, dieselbe Erfahrung, dieselbe Arbeit. Ein Projekt: 130 Euro pro Stunde. Ein anderes: 43 Euro. Der Unterschied liegt meistens am Briefing-Prozess und am Scope-Management, nicht an der Qualität der Arbeit.
Bei zehn Projekten im Jahr ist das eine substanzielle Zahl. Wenn du den Schnitt von 80 auf 100 Euro echten Stundensatz hebst, ohne ein einziges Projekt mehr zu machen, ist das der Hebel, der eine Agentur trägt oder erdrückt.
💡 Sofort-Maßnahme
Berechne für deine letzten fünf Projekte den echten Stundensatz: Projektumsatz geteilt durch alle investierten Stunden inklusive Vertrieb, Briefing, Projektmanagement und Korrekturschleifen. Die Spannweite zwischen bestem und schlechtestem Projekt zeigt dir sofort, wo dein Bottleneck im Pricing liegt.
Marge vs. Umsatz: Die Zahl, die zählt
800.000 Euro Umsatz mit 50 Prozent Marge: 400.000 Euro Deckungsbeitrag.
1,5 Millionen Euro Umsatz mit 20 Prozent Marge: 300.000 Euro Deckungsbeitrag.
Wer mehr Umsatz macht, arbeitet mehr. Wer mehr Marge macht, behält mehr. Diese Entscheidung treffen Agenturen jeden Monat. Meistens ohne zu wissen, dass sie sie treffen.
Die zweite Agentur hat fast doppelt so viel Umsatz. Sie hat trotzdem 100.000 Euro weniger Deckungsbeitrag. Sie hat mehr Mitarbeiter, mehr Kunden, mehr Projekte, mehr Stress. Und weniger Substanz.
Marge ist die Kennzahl, auf die es ankommt. Umsatz ist die Zahl, die nach aussen gut aussieht.
Wert-basiert vs. Aufwand-basiert pricen
Wer Aufwand verkauft, ist austauschbar. Der Kunde kalkuliert: Stunden mal Stundensatz, schaut bei der Agentur nebenan, verhandelt über den Preis.
Wer Wert verkauft, redet über etwas anderes. Was hat der Kunde nach dem Projekt messbar, das er vorher nicht hatte? Eine Landing Page, die 3 Prozent statt 1 Prozent konvertiert, ist bei 10.000 Besuchern im Monat und einem durchschnittlichen Kundenwert von 2.000 Euro eine andere Klasse von Ergebnis. Der Preis für diese Landing Page hat nichts mit deinen Stunden zu tun.
Das ist der Unterschied zwischen Agentur als Dienstleister und Agentur als Strategiepartner. Der Dienstleister liefert Kapazität. Der Partner liefert Ergebnis.
Wer seine Projekte noch nicht wert-basiert kalkuliert, macht üblicherweise einen ersten Schritt: Preis zuerst festlegen, Aufwand danach. Nicht umgekehrt. Wenn der Aufwand den Preis sprengt, ist entweder der Scope zu groß oder das Projekt nicht das richtige.
Ein sauberes Client-Onboarding im 48h-Fenster hilft hier direkt: Wer den Scope früh fixiert und die Erwartungen kalibriert, schützt die Marge von Anfang an, nicht erst wenn das Projekt schon läuft.
Drei Optionen statt einer: Wie du deinen Durchschnittspreis hebst
Eine einzige Preisoption stellt den Kunden vor eine Entscheidung: Ja oder Nein.
Drei Optionen stellen den Kunden vor eine andere Entscheidung: Welche davon passt?
Die mittlere Option wird statistisch am häufigsten gewählt. Das liegt daran, dass sich Menschen im mittleren Bereich wohlfühlen. Sie vermeiden das günstigste Angebot, weil es nach Abstrichen riecht, und das teuerste, weil es nach Overkill klingt. Die mittlere Option fühlt sich nach dem richtigen Preis an.
Wie das in der Praxis aussieht: Option 1 ist ein klar umrissenes Basis-Paket. Option 2 ist das vollständige Projekt mit klarem Scope und definiertem Ergebnis. Option 3 ist dasselbe plus strategische Begleitung oder Priority Support.
Das Ergebnis: Der durchschnittliche Auftragswert steigt, weil ein Teil der Kunden, der bisher Option 1 genommen hätte, jetzt Option 2 wählt. Und ein kleinerer Teil wählt Option 3, weil der Sprung von Mitte zu Oben kleiner wirkt als von Null zu Oben.
Dein nächster Schritt
Leg diese Woche drei Zahlen fest, die du bisher nicht gemessen hast: den echten Stundensatz deines letzten Projekts, die Marge der letzten fünf Projekte im Vergleich und die Spanne zwischen bestem und schlechtestem Projekt.
Diese drei Zahlen zeigen dir mehr über dein Pricing als jedes Buch zum Thema.
Marge ist die Disziplin, mit der eine Agentur sich selbst respektiert. Wer sie nicht misst, gibt sie aus der Hand.
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Strategie sichernHäufige Fragen
Weil Vertriebszeit selten eingepreist wird. Ein Projekt mit 120 Euro Stundensatz im Angebot kostet dich ca. 15 bis 20 Stunden Vertrieb, Briefing und Feedback-Pingpong, die nirgendwo auftauchen. Der echte Stundensatz nach diesen Stunden liegt meistens 30 bis 50 Prozent niedriger.
Nimm den Projektpreis und teile ihn durch alle investierten Stunden: Vertrieb, Briefing, Umsetzung, Korrekturschleifen, Projektmanagement, interne Abstimmung. Nicht nur die Umsetzungsstunden. Die Zahl, die du dann siehst, ist dein echter Stundensatz.
Immer, wenn der Scope klar definierbar ist und du nachweisbare Erfahrung mit dem Projekttyp hast. Festpreise erlauben wert-basiertes Pricing, weil der Kunde den Wert des Ergebnisses kauft und nicht deine Zeit. Wichtig: Ein klares Briefing und eine schriftlich fixierte Scope-Definition sind Voraussetzung.
Zuerst diagnostizieren: Kommt die schwache Marge aus zu niedrigem Preis, unterschätztem Scope oder zu vielen Korrekturschleifen? Die Maßnahme hängt von der Ursache ab. Zu niedriger Preis bedeutet: Pricing überarbeiten. Scope-Probleme bedeutet: Briefing-Prozess und Change-Request-Struktur verschärfen. Korrekturschleifen bedeutet: Feedback-Runden im Angebot limitieren.

Markus Vieghofer
Externer COO · Startup Founder · 107+ Unternehmer begleitet
Als Startup-Gründer habe ich ein Team von 24 Mitarbeitern aufgebaut, 7-stellige Jahresumsätze erzielt und Ads mit über 3 Mio. € Spend vollautomatisiert ausgespielt. Das heißt für dich: Ich kenne die Herausforderungen, die Wachstum mit sich bringt — und die Systeme, die dafür sorgen, dass es nicht im Chaos endet.
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